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Wissenschaft > Wirtschaft

Menschen verwenden täglich Flugzeuge, auch wenn es sich intuitiv nicht natürlich anfühlt. Sie tun es aber, weil sie der Wissenschaft der Physik vertrauen. Dieses Vertrauen wird laufend dadurch bestärkt, dass wir von ihren Errungenschaften überall im Alltag profitieren und selten enttäuscht werden. Flugzeuge fliegen, Autos fahren, Brücken überqueren, Bauwerke stehen, Waschmaschinen waschen und LED-Leuchten erhellen. Der Grund für diese Verlässlichkeit liegt darin, dass diese Wissenschaft schon sehr alt (ca. 3.000 Jahre), und somit sehr erprobt ist.

Unser Vertrauen in die Wissenschaft der Medizin ist etwas geringer. Sie ist nicht ganz so alt (ca. 2.500 Jahre) und wohl schwieriger zu erforschen, da komplexer. Methoden und Gesetze der Physik helfen bei der Erforschung, jedoch sind es zusätzlich chemische Prozesse, die Lebewesen maßgeblich beschreiben. Unsere persönlichen Erfahrungen beweisen, dass sie nicht annähernd so verlässlich wie Physik ist.

Geld, so wie wir es heute verwenden (ausschließlich als Tauschmittel – Geld selbst hat keinen Wert, sondern verkörpert eine Form von Kredit), verbreitete sich erst vor etwa 100 Jahren und etablierte sich offiziell 1973, als der Goldstandard aufgegeben wurde. Börsen gibt es zwar schon länger (ca. 500 Jahre), aber sie erlangten erst mit der industriellen Revolution Bedeutung für die allgemeine Wirtschaft. Die erste akademische Einrichtung wurde 1819 in Paris (Medizin: spätestens 500 v. Chr. in Kos) gegründet, die meisten solchen im deutschen Sprachraum um die letzte Jahrhundertwende.

Es kann also nicht verwunderlich sein, dass sich diese Wissenschaft noch in den Kinderschuhen befindet. In einer Entwicklungsstufe, die, verglichen mit der Physik, im besten Fall in die Zeit vor Galileo Galilei einzuordnen ist. Errungenschaften die in ihrer Bedeutung mit jenen von Archimedes, oder Kopernikus vergleichbar wären, hat sie noch keine hervorgebracht. Ob sie in absehbarer Zukunft Errungenschaften hervorbringt, die mit jenen von Galileo, Kepler oder gar Newton vergleichbar wären, ist zweifelhaft.

Verwunderlich ist vielmehr, dass diese Wissenschaft einerseits über die Maßen Anerkennung verlangt und diese andererseits auch erhält. Physiker beschäftigen sich auf subatomarer Ebene mit der Materie, forschen an der Quantenverschränkung und sind dabei, Quantencomputer für die Massenproduktion zu konzipieren. Die Medizin hat den menschlichen Körper soweit erforscht, dass Körperteile mit 3D-Druckern hergestellt werden. Sie entwickelt Antibiotika, die gezielt die DNA nur jener Bakterien zerstört, die dem Menschen schaden. Die Wirtschaftswissenschaften sind sich unterdessen nicht annähernd einig, wie Geld – das „Blut“ der Wirtschaft – überhaupt die Wirtschaft beeinflusst. Noch darüber, ob die Wirtschaft effektiver über das Angebot, oder die Nachfrage gesteuert werden kann. Überspitzt verglichen: Ob nun der Apfel zu Boden fällt, oder der Boden zum Apfel aufsteigt.

Kapitalmärkte sind zwar weniger komplex als die Gesamtwirtschaft. Aber auch sie werden erst seit weniger als 100 Jahren wissenschaftlich erforscht und es wäre übertrieben, von einer eigenständigen Wissenschaft zu sprechen. So wie die Wirtschaftswissenschaften, lehnte sich diese Forschung traditionell an die (exakten) Naturwissenschaften. In beiden Fällen vermutlich aufgrund ihres Verlangens nach Anerkennung in der akademische Gemeinschaft. Durch Anwendung ähnlicher Prozesse und Konzepte sowie Konstruktion mathematischer Formeln und Modelle, so die nahe liegende Unterstellung, würde der Nimbus der exakten Wissenschaften auch auf das eigene Forschungsgebiet abfärben. Heute hat sich diese Anlehnung merklich abgeschwächt, eine allgemein akzeptierte Vorgehensweise existiert allerdings weiterhin nicht.

Nicht nur das: Ein Berater kann (und oft wird er) sagen: „Wir bieten langfristige Investitionen und minimieren das Risiko“, obwohl dieser Satz absolut nichts aussagt. Die Begriffe langfristig, Investition und Risiko sind nicht verbindlich definiert und jeder kann sie nach Belieben verwenden. Was ist langfristig? Gibt es auch kurzfristige Investitionen? Was ist Spekulation? Und Risiko? Die wenigsten Berater werden eine befriedigende Antwort bieten können, und alle Antworten werden sich unterscheiden. Eigentlich unglaublich; nämlich beides: Sowohl, dass auch wohlgesinnte Berater so viel warme Luft verblasen – mit dem Segen der Finanzmarktaufsicht – , als auch, dass sich die akademische Forschung noch immer nicht diesem elementaren Thema – einheitliche Terminologie – gewidmet hat. Insbesondere was den Begriff „Risiko“ betrifft.

Dass (Investment-)Banken Volatilität für sich selbst als primären Risikofaktor heranziehen, macht Sinn, ist aber für Privatinvestoren nur begrenzt hilfreich. Ihre Bilanzen sind so sehr ausgereizt, dass auch kurzfristige Schwankungen – wenn sie zu stark sind – ihre Existenz gefährden können. Sie steuern ihr Risiko mit Modellen, die auf dem sogenannten VaR- Ansatz (Value-at-Risk) basieren. Der aktuell allgemein übliche und von den Zentralbanken akzeptierte Ansatz. Übrigens nicht etwa, weil er so effektiv ist, sondern weil es keinen besseren gibt. Seine größte Schwäche liegt dort, wofür er eigentlich dienen soll: das Wappnen vor Phasen extremer Volatilität.

Angesichts der fehlenden wissenschaftlichen Basis sowie entsprechender Erfahrungswerte können relevante Bildungswege (Portfoliomanager, Vermögensverwalter/-berater, Finanzplaner, etc.), Verbände, die ihren Mitgliedern Verhaltensregeln auferlegen und Aufsichtsbehörden (BaFin, FMA, etc.) lediglich als gut gemeinte Schritte in die richtige Richtung angesehen werden. Mehr nicht.

Dass eine Wissenschaft Anerkennung verlangt, ist verständlich. In welchem Ausmaß sie eine solche gerechtfertigt erhalten soll, ist durchaus einige Überlegungen wert. Wie sieht es nun mit dem Stand der Wissenschaft aus? Was kann sie zum Erfolg eines Investors beitragen? Ein treffendes Beispiel liefert die „Modern Portfolio Theory“, kurz MPT. Das heute allgemein anerkannte Instrument wurde 1952 von Harry Markowitz vorgestellt, der dafür 1990 den Nobelpreis erhielt. Sie basiert auf Annahmen, die im besten Fall als gewagt bezeichnet werden können. Erfolgreiche Investoren erkannten bald, dass sie, wenn überhaupt, einen zu geringen praktikablen Nutzen besitzt.

Vermögensberater verwenden sie noch heute gerne für ihre Präsentationen – vermutlich weil sie intelligent klingt und… immerhin einen Nobel-Preis vorweisen kann. Auch institutionelle Investoren (also Profis, dennoch selten überdurchschnittlich erfolgreich) stützen ihre Modelle noch heute auf diese Theorie, erweitern sie aber in der Regel mit dem sogenannten Black-Litterman Verfahren. Klingt noch intelligenter, stützt sich aber auf dieselben Grundannahmen und ist noch komplexer. Soll heißen, ähnlich fragwürdig, aber dafür noch fehleranfälliger.

Was der Urheber dieser Theorie, Harry Markowitz, von ihrem praktischen Nutzen hält, ist im Zitat am Kopf dieses Beitrags zu lesen. Was nicht als Kritik am Wissenschaftler oder seiner Wissenschaft verstanden sein muss. Beide setzen redliche und bemerkenswerte Schritte, die in Zukunft durchaus brauchbare Ergebnisse hervorbringen werden. Es ist eben nur so, dass dies bislang noch nicht der Fall gewesen ist und, so wie in anderen Wissenschaften, seine Zeit benötigt.

Sobald dieser Zeitpunkt gekommen ist, werden wir es mit Sicherheit erfahren. Bis dahin kann sich jeder Anlegerin – auch solche, die es werden wollen – getrost auf ihren eigenen Hausverstand, ihre eigenen Erfahrungen und ihre eigene Intelligenz verlassen. Die wenigsten Experten können bei der Erstellung eines Portfolios einen Zusatznutzen erbringen. Sollten sie tatsächlich in der Lage sein, dann, indem sie auf viele einfache Warum- und Wie-Fragen der Anlegerin mit einfachen – für absolut jeden verständlichen – Erklärungen antworten können.

Im günstigsten Fall wird ein solcher Experte darauf hinweisen, dass die Details des Portfolios gar nicht so wichtig für den Erfolg einer Anlegerin sind. Dass sich ein effektives Portfolio insbesondere durch Einfachheit auszeichnet. Eindeutig wichtiger ist, dass die Anlagelösung zur jeweiligen Anlegerin passt und sie sich mit dieser wohl fühlen kann. Denn nur so wird sie sie konsequent verfolgen können. Und das ist mit Abstand das Wichtigste für ihren Anlageerfolg.

Zielführende Informationen und Hilfestellung sind im Internet ausreichend zu finden. Es genügt sich an Angeboten zu orientieren, die Einfachheit in den Vordergrund stellen und Begriffe wie Experte/Expertise mit besonderer Umsicht verwenden. Verweise auf wissenschaftliche Erkenntnisse oder sogar Theorien von Nobelpreisträgern sind meistens verlässliche Alarmzeichen.


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