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Geschichte III

Von Zentralbanken zum Goldstandard

  • Der Goldstandard war eine Notlösung. Er wurde eingeführt, weil das enorme, bis dahin ungekannte, Wirtschaftswachstum das Geldsystem überforderte.
  • Während dem Goldstandard war Geld, wenn überhaupt, nur kurzzeitig und in begrenztem Ausmaß durch Gold gedeckt.
  • Geld bezieht heute seinen Wert nicht aus einem „handfesten“ (intrinsischen) Wert, wie etwa Gold.
  • Der Wert des Geldes beruht darauf, dass Leistungsversprechen abgegeben und akzeptiert werden und durch ein Rechtssystem durchsetzbar sind.
  • Unser Rechtssystem ist heute das, was vor einigen Jahrtausenden soziale Zwänge waren.

In den rund 200 Jahren (15. Bis 16. Jahrhundert) der Renaissance machte sich Europa auf, die Welt zu erobern1Forscher vermuten heute, dass dieser plötzliche Entdeckungsdrang vor allem auf die Knappheit an Zahlungsmitteln (Edelmetallen) zurückzuführen ist. China, das zu jener Zeit weit entwickelter als Europa war, verspürte diesen Drang interessanterweise nicht. Vermutlich, weil China Nettoexporteur war, also über einen Überfluss an Edelmetallen (aus Europa) verfügte.. Die Europäer erweiterten nicht nur ihre Gedanken in Wissenschaft, Kunst und Philosophie, sondern auch ihre Präsenz in der Welt. Die dadurch wachsende Stadtbevölkerung in Verbindung mit der neuen Fülle an Waren und Handelsrouten, führte zu einem enormen Wachstum der Handelsaktivitäten. Die Zeit der Medicis in Italien und der Fugger in Mitteleuropa war gekommen.

Höhere Handelsaktivitäten erfordern eine größere Menge an Zahlungsmitteln, also Edelmetalle, oder eben die schon bekannten Zahlungsversprechen in Form von Banknoten. Nun war es so, dass jede Bank seine eigenen Banknoten ausgab. Dadurch wurde es für die einzelnen Banken zunehmend schwieriger, den Überblick über Gläubiger und Schuldner zu behalten. Die verschiedenen Banknoten waren auch, je nach Bonität der Bank, unterschiedlich viel wert. Schließlich war auch der logistische Aufwand für den Transport von Münzen und Edelmetallen zwischen den Banken aufwendig und riskant. Das wurde nicht nur regional immer mehr zu einem Problem, es erschwerte auch den überregionalen Handel.

Vergleichbar mit dem Problem, vor dem die Sumerer 4.500 Jahre zuvor gestanden hatten, nur dass nun das Problem nicht die vielen unterschiedlichen Produkte machten, sondern die vielen unterschiedlichen Banknoten. Die Lösung für die Sumerer war eine Verrechnungseinheit in Form von Gerste, die Lösung für die Bankiers gegen Ende der Renaissance war eine zentrale Verrechnungsstelle in Form von Zentralbanken.

Dort wurden anfangs alle Transaktionen zentral verrechnet und bald danach die einzigen offiziell gültigen Banknoten ausgegeben. Folglich bot es sich für die Banken an, ihre Edelmetallbestände auch gleich bei ihr zu lagern. Diese Zentralbanken waren von Beginn an in privater Hand und dienten vor allem der Finanzierung der Staatsschulden. Die erste, noch heute bestehende Zentralbank, war die „Schwedische Reichsbank“ (1656). Die „Bank of England“ folgte 1694. Diese durfte übrigens ein schottischer Kaufmann mit samt den üblichen Privilegien als Gegenleistung für einen Großkredit an König William gründen. Ähnlich lief es auch in anderen Nationen ab, aber nicht immer so problemlos. Schillerndstes Beispiel ist John Law2s. hierzu auch die Südseeblase von 1720: eine bedeutende Spekulationsblase der frühen Neuzeit. Sie ereignete sich zur selben Zeit wie die Mississippi-Blase in Frankreich. Bereits 1637 war die Tulpenblase in Holland geplatzt., auch ein Schotte, der ähnliches in Frankreich versuchte, 1720 aber spektakulär scheiterte.

Warum die Herrscher diese mächtigen Institutionen in privaten Händen ließen, kann man nur vermuten. Wahrscheinlich wollten sie damit nichts tun haben, weil sie sich nicht auskannten und Geldgeschäfte ohnehin nicht besonders angesehen waren. Vor allem aber hatten sie wohl die damit verbundene Macht noch nicht erkannt. Geld repräsentiert ja nur Werte, die eigentlichen Werte, nämlich Grund und Boden, würden sie weiterhin kontrollieren.

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts gab es übrigens über Jahrzehnte hinweg eine hohe Inflation. Nicht, weil Bankiers unkontrolliert Banknoten in Umlauf brachten, sondern weil die Entdecker aus den Kolonien Unmengen an Edelmetallen nach Europa brachten. Spanien importierte zwischen 1521 und 1530 noch rund 149 Kilogramm nach Europa, 1591 bis 1600 waren es bereits 2.708 Tonnen.

Die Entwicklungen der Renaissance brachte der Menschheit eine Neuerung, die bis dahin nicht nur unmöglich, sondern schlicht unvorstellbar war: Wirtschaftswachstum und Produktivitätssteigerung. Bisher war die Wirtschaft ein Null-Summen-Spiel.

Bei dem Großteil der Menschen bestand das Leben im Überleben. Die Bevölkerung lebte von der Hand in den Mund, weil alles andere unmöglich oder sinnlos war. Unmöglich, weil die Grundbesitzer alle Überschüsse als Abgaben einzogen, oder sinnlos, weil es ohnehin nichts dafür zu kaufen gab. Noch im 18. Jahrhundert wäre, zum Beispiel, niemand in der allgemeinen Bevölkerung auf die Idee gekommen, sich eine zweite Kleidergarnitur zuzulegen. Mehr Kinder boten nicht die Aussicht auf mehr Ertrag, sondern im besten Fall gleichbleibenden Lebensstandard. Nicht selten war zu viel Nachwuchs wegen der begrenzen Ressourcen sogar eine Gefahr für das Überleben einer Familie.

Grundbesitz war die einzige Quelle für Produktion und Reichtum. Grundbesitzer und Herrscher konnten ihren Reichtum nur ausdehnen, indem sie sich Grundbesitz von anderen aneigneten. In der Regel durch Krieg (manchmal durch geschickte Eheschließungen). Man konnte nur Gewinnen, indem man jemand anderem etwas wegnahm.

Das änderte sich ab dem 17. Jahrhundert

Technische Entwicklungen in Verbindung mit politischen und sozialen Veränderungen führten dazu, dass Menschen erstmals ein Bevölkerungswachstum mit gleichzeitigem Wohlstandszuwachs erleben konnten. Die Menschen mussten nicht mehr um Teile eines Kuchens kämpfen, sondern konnten ihr Leben dadurch verbessern, dass der Kuchen größer wurde. Plötzlich wollten sich viel mehr Menschen nicht mehr ihr Leben lang mit einer einzigen Kleidergarnitur begnügen. Viel mehr Menschen wollten sich richtiges Besteck mitsamt eigenem Teller, statt einer gemeinsamen Schüssel, für das Essen leisten. Sie wollten mehr Wohnraum, bequemere und manchmal sogar schönere Möblierung und sie wollten sogar ins Theater gehen. Wünsche und Bedürfnisse, die in der breiteren Masse noch bis vor ein-, zweihundert Jahren gänzlich unvorstellbar, und praktisch unmöglich, waren, die Arbeitsteilung enorm vorantrieben und auch gänzlich neue Berufsgruppen entstehen ließen. Mit der Folge, dass der Bedarf an Zahlungsmitteln gewaltig anstieg.

Geld wurde allmählich Bestandteil das täglichen Lebens. Üblich waren vor allem Silbermünzen, seltener Goldmünzen, und es wurde auch Papiergeld verwendet. Nicht, weil die Bürger es so gerne verwendeten, ganz im Gegenteil. In den Haushalten sah man Papiergeld noch skeptisch, aber die neu entstandenen Arbeitermassen hatten wohl keine Wahl. Sie waren froh, wenn sie Arbeit hatten und zufrieden, solange sie mit diesen Banknoten ihr Leben bestreiten konnten. Verstanden hatten sie das Konzept wohl nicht, allerdings bestand weder die Notwendigkeit, noch die Möglichkeit, sie aufzuklären. Das Wachstum war einfach zu rasant und für alle Beteiligten neu. Nicht selten, sogar bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts, musste daher die Verwendung von Papiergeld sogar per Gesetz erzwungen werden.

Der enorme Anstieg der Nachfrage nach Zahlungsmitteln, also Edelmetallen, hemmte zunehmend das Wachstum der Wirtschaft. Wenn in einer Volkswirtschaft 100 Güter produziert werden und 100 Münzen im Umlauf sind, dann kostet eines dieser Güter eine Münze. Wenn diese Volkswirtschaft plötzlich 200 Güter produziert, dann gibt es drei Möglichkeiten:

  1. Es werden 100 neue Münzen geprägt. Das ist nur solange eine Möglichkeit, solange neue Edelmetallvorkommen entdeckt werden, was aber schon im 19. Jahrhundert nicht ausreichend der Fall war.
  2. Ein Gut kostet nur mehr ½ Münze, was Deflation genannt wird und theoretisch eine Lösung ist, aber in der Praxis zwei wesentliche Nachteile mit sich bringt.
    • Zum einen würden die Preise nicht stabil bleiben, was für eine Wirtschaft viele Nachteile bringt. In einer wachsenden Wirtschaft steigt der Gesamtwert der produzierten Produkte kontinuierlich. Diese Produkte stehen aber einer gleichbleibenden Menge an Zahlungsmitteln gegenüber. Daher wird der Wert des Zahlungsmittels kontinuierlich steigen. Wenn Preise stabil bleiben sollen, dann muss sich die Menge der Zahlungsmittel im Gleichschritt mit dem Wirtschaftswachstum bewegen.
    • Zum andern würde Geld alleine dadurch wertvoller, dass die Wirtschaft wächst. Man würde dann einfach durch den Besitz von Geld laufend wohlhabender, ohne zum Wachstum beizutragen. Als blinder Passagier, oder härter ausgedrückt, als Schmarotzer. Abgesehen davon, dass das nicht erstrebenswert sein kann: es bestünde dann weniger, und irgendwann sogar gar kein Anreiz, Geld(-vermögen) produktiv einzusetzen. Was wiederum in einer Inflation enden würde. Nicht weil, wie wir es gewohnt sind, zu viel Geld da ist, sondern weil zu wenige Güter produziert werden. Auslöser der regelmäßigen Wirtschaftskrisen wären dann nicht überhitzte, sondern verkümmerte Volkswirtschaften. Produktion (also Aufwand und Risiko) würde erst dann wieder Sinn machen, wenn die Preise anfingen zu steigen, also Geld laufend weniger wert wird.
  3. Man tut so, als ob mehr Münzen im Umlauf sind, als tatsächlich vorhanden sind. Natürlich könnte man in dem Fall nicht sagen „wir tun so, als ob“. Man müsste unbedingt dafür sorgen, dass das auch wirklich funktioniert, und dafür war, wie so oft, auch eine ansprechende Bezeichnung entscheidend.

Bei der Bezeichnung einigte man sich auf „Goldstandard“. Gold, weil Gold immerhin noch Teil des Systems war, und Standard, weil jene Qualität positiv zu besetzen war, die dabei Einbußen erlitt: Robustheit. Die Umsetzung war nicht so einfach.

Vor dem Hintergrund der erdrückenden Zwangslage (die Menge der verfügbaren Zahlungsmittel sank genauso exponentiell, wie das Wirtschaftswachstum mittlerweile stieg) war die Überlegung vermutlich folgende3Der Begriff „Überlegung“ ist hier vermutlich zu gütig. Es ist vielmehr anzunehmen, dass wir da, bedrängt durch Zwangslagen, hineinstolperten und nur deswegen nicht hinfielen, weil die erforderlichen Rahmenbedingungen nun vorhanden waren:

Bankiers hatten einigermaßen bewiesen, dass das Konzept der Geldschöpfung und das so entstehende Buchgeld recht gut funktioniert. Es war zudem auch klar, dass es, wie im Abschnitt „Geldschöpfung, der Sündenfall“ bereits beschrieben, nur unter zwei Voraussetzungen funktioniert: Es dürfen zu keinem Zeitpunkt zu viele Münzbesitzer gleichzeitig die Aushändigung ihrer Münzen verlangen, und es dürfen niemals zu viele Kreditnehmer gleichzeitig ausfallen. Die kritische Frage war also nicht ob so etwas passiert, sondern was genau „zu viel“ ist. Diese Frage konnte damals natürlich niemand verlässlich beantworten, aber die Umstände drängten zum Handeln.

Entscheidend ist, dass der Begriff „Goldstandard“ ein Geldsystem bezeichnet, das nur teilweise mit Gold zu tun hat. Von Beginn an war es Banken zwar nur erlaubt Banknoten auszugeben, wenn diese auch gedeckt waren. Aber eben nicht zu 100%, sondern nur bis etwa zu einem Drittel. Deswegen wurde ja auch der Begriff eingeführt, sonst hätte man „Goldgeld“ oder weiterhin einfach Geld sagen können.

Die restlichen zwei Drittel durften die Banken mit Staatsanleihen und bestimmten anderen Finanzierungsinstrumenten decken. Der berühmte Goldstandard war zu keiner Zeit ein Geldsystem, bei dem das gesetzliche Zahlungsmittel zu 100% durch Gold gedeckt war, im Gegenteil. Er stützte sich von Beginn an überwiegend auf Versprechen, beziehungsweise verbindliche Zusagen.

Offiziell hatte jeder von Gesetztes wegen die Möglichkeit, seine Banknoten gegen Gold einzuwechseln. Faktisch waren die entsprechenden Goldbestände aber zu keinem Zeitpunkt vorhanden. Was natürlich nie ein besonderes Problem war, denn das gesetzlich zugesagte Versprechen hätte ja bei Bedarf jederzeit per Gesetz wieder zurückgenommen werden können.

Länder die nicht über ausreichende Edelmetallbestände verfügten, gingen noch einen Schritt weiter: sie banden ihre Währung an eine „Goldwährung“ und „taten so, als ob“ sie Gold gelagert hätten. Sie versprachen, dass man ihre Währungen jederzeit in die Goldwährung, damals meistens das britische Pfund, wechseln könne, und somit faktisch Gold besäße. Was faktisch natürlich noch viel weniger stimmte, als es für die Goldwährung selbst der Fall war.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatten jedenfalls alle Staaten eine Form des Goldstandards eingeführt.

Das Konzept an sich war zwar schon lange erprobt, Bankiers praktizierten es schon seit mindestens 500 Jahren. Statt Gold(-münzen) eine Bestätigung, also eine Quittung, aushändigen, diese Bestätigung für den Zahlungsverkehr verwenden und im Zuge dessen zeitweise mehr Bestätigungen ausstellen, als im Tresor tatsächlich an Gold gelagert war. Der Goldstandard machte diese Praktik amtlich, goss sie in einen gesetzlichen Rahmen und übertrug die kritischen Aufgaben, nämlich Goldlagerung und Ausgabe von Banknoten, der mittlerweile etablierten (und meist verstaatlichten) Zentralbank.

Das Konzept der Geldschöpfung war bisher allerdings nur ein Teil des Geldwesens und nicht, so wie jetzt beim Goldstandard, dessen Grundlage. Turbulenzen ließen nicht lange auf sich warten, und zwar schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Zu einer Zeit, als der Goldstandard schon faktisch galt, aber gesetzlich noch gar nicht verankert war. Es begann mit der Wirtschaftskrise in den USA 1837, gefolgt von der ersten Weltwirtschaftskrise 1857 über die Gründerkrise 1873 und die Panik von 1907 in den USA bis zur berühmten Weltwirtschaftskrise von 1929.

Man kann beruhigt annehmen, dass sich zu dieser Zeit nur die wenigsten Menschen mit dem Geldsystem auskannten. Abgesehen davon, dass sich die Neuerungen in den letzten wenigen Jahrhunderten überschlagen hatten: Die breite Masse wurde erst vor einigen Jahrzehnten überhaupt Teil des allgemeinen Wirtschaftsgeschehens und wurde vermutlich auch nicht gefragt, ob sie mit Banknoten als Bezahlung oder dem Geldsystem im Allgemeinen einverstanden war. Eine Wissenschaft zu dem Thema gab es noch nicht wirklich. Wer würde auch auf die Idee kommen, dass man Geld wissenschaftlich analysieren müsste? Die Machthaber waren weiterhin mit ihrer Macht beschäftigt und noch immer davon überzeugt, dass der eigentliche Reichtum im Landbesitz steckt. Nicht einmal der Großteil der in der Finanzbranche Beschäftigten wird einen ausreichenden Durchblick gehabt haben. Die Mehrheit war neu im Geschäft und wusste bestenfalls, wie die Arbeit erfolgreich zu erledigen war, verstand jedoch nicht wirklich, was sie eigentlich taten.

Besonders wohl werden sich nicht viele Menschen mit dem neuen Konzept gefühlt haben. Aber die Geschwindigkeit der Entwicklungen ließ keine Wahl, wichtig war vor allem, dass es, wie auch immer, funktionierte. Es waren vermutlich genau diese Umstände, die den berühmten Industriellen Henry Ford um die Jahrhundertwende des letzten Jahrhunderts zum eingangs angeführten Zitat4„Es ist nur gut, dass die Menschen der Nation unser Banken- und Geldsystem nicht verstehen, denn wenn sie es täten, glaube ich, dass es vor morgen Früh eine Revolution geben würde“.
_Henry Ford
hingerissen hatten.

Nicht die besten Voraussetzungen für ein neues Geldsystem, daher auch keine große Überraschung, dass es nicht lange überleben konnte. Nämlich nur wenig mehr als hundert Jahre: faktisch vom Beginn des 19 Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914, und gesetzlich von 1844 bis zur offiziellen Aufhebung des Goldstandards durch Präsident Nixon 1972.

Gemessen an der Wirtschaftsleistung wuchs die globale Wirtschaft in den ersten 1.700 Jahren unserer Zeitrechnung, sehr grob gerechnet,  um das Vierfache. In den darauffolgenden 300 Jahren um das Zehnfache, und alleine im letzten Jahrhundert nochmal um das Zehnfache. Dass die Menschheit nicht gleich beim ersten Versuch das dafür passende Zahlungsmittel konzipieren konnte, und schon gar nicht eines, das einem zukünftig noch viel gewaltigerem Wachstum gewachsen wäre, sollte nicht verwundern.

Am 15. August 1971 wurde schließlich die Kapitulation durch Präsident Richard Nixon verkündet, und der Goldstandard, nun auch offiziell, beendet. In den Augen vieler Beobachter wurde damit die Büchse der Pandora geöffnet, da hierdurch der Wert des Geldes offensichtlich der hemmungslosen Willkür des Staates ausgeliefert wurde.

Nun ja, der Wert des Geldes wurde der hemmungslosen Willkür des Staats ausgeliefert, aber noch nie zuvor war Geld Staaten ausgeliefert, in denen Macht so breit verteilt ist. Die nicht von Autokraten beherrscht werden, sondern von unabhängigen Gremien, in denen Personen sitzen, die sich jede für sich keinen nennenswerten Vorteil aus konkreten geldpolitischen Entscheidungen sichern können. Die also nicht durch mögliche persönliche Machtausweitung, monetäre, oder sonstige Vorteile in Versuchung gebracht werden können, bewusst, bzw. vorsätzlich, falschen geldpolitische Entscheidungen zuzustimmen. In denen Machtverteilung und Machtausübung ausschließlich im Rahmen rechtsstaatlicher Prinzipien stattfinden.

Es ist diese resolute Berufung auf die Rechtsstaatlichkeit, die bis in die Neuzeit für Geld in seiner heutigen Form gefehlt hat. Das Bankwesen war schon seit einigen Jahrhunderten bereit, Menschen sind jedoch erst seit wenigen Jahrzehnten tatsächlich alle gleich vor dem Gesetzt.  Noch vor nur 250 Jahren war es für eine Person möglich, mit Überzeugung zu behaupten: „L’État c’est moi“,  „Der Staat bin ich“5Ludwig IX zugeschrieben.

Kreditgeld, also Geld in seiner heutigen Form, kann nur bestehen, wenn die Wirtschaftstreibenden, und nicht zuletzt die Bankiers, davon überzeugt sind, dass sie auf die Macht des Rechts vertrauen können, und nicht dem Recht der Macht ausgeliefert sind. Erst wenn diese letzte Voraussetzung erfüllt ist, kann das Vertrauen auf soziale Zwänge durch Vertrauen in den Rechtsstaat ersetzt werden. Erst dann kann man sich den Zwängen und Nachteilen des Warengeldes entledigen, und wieder so effizient wirtschaften, wie es unsere Vorfahren vor etwa 6.000 Jahren getan haben. Und nun nicht nur innerhalb geschlossener Gemeinschaften, sondern anonym und global.

Damals konnte man nur jenen Tauschpartnern Kredit gewähren, denen man vertraute, und war auf die Tauschgüter beschränkt, die diese zu Verfügung hatten. Heute kann man jedem beliebigen Tauschpartner Kredit gewähren (Geld annehmen) und mit diesem Kredit jedes beliebige Produkt erwerben (Geld ausgeben). Sogar ohne dabei ein Kreditrisiko einzugehen. Das übernehmen in erster Linie die Banken.

Hinzu kommt der, für eine wachsende Wirtschaft entscheidende, konzeptionelle Vorteil von Kreditgeld: Seine Menge kann –und wird- mit dem Wirtschaftswachstum mitwachsen. Kreditgeld kann trotz Wachstums einer Wirtschaft absolut stabil bleiben, d.h. seinen Wert stabil halten, Warengeld muss in einer wachsenden Wirtschaft hingegen seinen Wert zwangsweise erhöhen. Einen absolut – wenn auch nur theoretisch, in der Praxis aber immerhin annähernd – stabilen Geldwert kann nur Kreditgeld gewährleisten.

All jene, die unser Geldsystem verurteilen und nicht selten eine Rückkehr zum Goldstandard fordern (oder in digitalen Währungen wie Bitcoin die Rettung unseres Wirtschaftslebens sehen), haben entweder die Funktion unseres Geldsystems falsch verstanden, oder stellen an Geld falsche Anforderungen. Nämlich die Anforderungen wie beispielsweise, dass es Wert konservieren soll. Vor Einführung des Kreditgelds erfüllte Geld diese Anforderung. Nicht aber, weil es die beste Lösung war, sondern weil bis dahin einfach keine bessere Lösung verfügbar war.

Die drei primären Aufgaben, die Geld zu erfüllen hat, um unser Wirtschaftsleben zu erleichternmöglichen sind

  • Verrechnungseinheit: die Bewertung beliebig unterschiedlicher Produkte/Leistungen (ohne eine solche Verrechnungseinheit müsste man sich schon bei 20 unterschiedlichen Produkten/Leistungen 190 Tauschverhältnisse merken und diese auch laufend anpassen).
  • allgemein akzeptiertes Zahlungsmittel: Tauschgeschäfte, die unabhängig von Angebot und Nachfrage des jeweiligen Tauschpartners sind (ein Hotelier kann auch dann Obst kaufen, wenn plötzlich alle Obsthändler beschließen, nur noch zu campen).
  • Kreditinstrument: um formlos kurzfristige Kreditgeschäfte zu ermöglichen (ein Obsthändler kann täglich Geld auf die Seite legen, um im Sommer Urlaub in einem Hotel zu verbringen).

Dass Geld früher auch selbst wertvoll war, war niemals ein Vorteil für das Zahlungsmittel, sondern ein unüberwindbares Übel. Heute ist man in der vorteilhaften Lage, sich jederzeit und frei aussuchen zu können, ob man ein Zahlungsmittel halten will, oder einen Vermögenswert. Also Geld, oder Gold (oder Bitcoins, oder was auch immer).

Hat man das Konzept verstanden, dann werden die zentralen Grundlagen unseres Geldsystems klar.

  • Geld entsteht immer dann, wenn sich jemand bei einem Kreditinstitut verschuldet, oder ein Kreditinstitut Vermögenswerte kauft.
  • Geld wird nicht aus dem „Nichts“ („ex nihilo“, bzw. engl. „out oft thin air“) geschaffen, sondern basierend auf einem rechtsverbindlichem Versprechen.
  • Geld bezieht seinen Wert nicht aus einem „handfesten“ (intrinsischen) Wert, wie etwa Gold (oder was sonst auch immer von den Beteiligten als wertvoll angesehen wird). Der Wert des Geldes beruht darauf, dass Leistungsversprechen abgegeben und akzeptiert werden und durch ein Rechtssystem durchsetzbar sind.
  • Geld wird „vernichtet“, wenn jemand seine Schuld tilgt. Geld zu „vernichten“ ist so gesehen positiv. Es wird nichts Wertvolles vernichtet, sondern es ist der Beweis dafür, dass jemand sein Versprechen gehalten, bzw. seine Verpflichtung erfüllt hat.
  • Das Recht Geld zu schöpfen (aus der Luft herbeizuzaubern) ist exklusiv Banken vorbehalten, aber es ist genauso ein Recht, wie eine Bürde. Es ist mit der Gefahr verbunden, dass es an Gläubiger ausgegeben wird, die ihrem Versprechen nicht nachkommen. Banken werden für diese Gefahr in Form von Zinszahlungen entlohnt.
  • Banken transformieren durch Geldschöpfung eine konkrete Forderung (der Bank gegenüber dem Kreditnehmer) in eine abstrakte, gegenüber der gesamten Wirtschaft einlösbare, Forderung. Geld ist der Beleg für diese Forderung.
  • Banken verwenden nicht Spareinlagen, um Kredite zu vergeben. Kredite sind vielmehr die Voraussetzung dafür, dass Spareinlagen entstehen können.

Um die bisher angesprochenen Grundlagen besser zu verstehen, hilft die Veranschaulichung mittels Konten/Bilanzen. Eine solche Darstellung ist im Anhang zu finden. Weiterführende Erläuterungen von grundlegenden Bankabläufen sind in den Grundlagen des Kreditwesens zusammengefasst.

Ich kann meine Freude darüber, dass ich das Wesen des Geldes nach einigen Jahrzehnten nun endlich erfasst habe, schwer verbergen. Was allerdings verstörend ist, ist die Tatsache, dass, wie ich soeben erfahren konnte, ein Hobby-Ökonom namens A. Mitchell Innes schon 19136Innes, A. Mitchell: „What is Money?“; The Banking Law Journal, May 1913 (!) die hier dargestellten Zusammenhänge in einem Aufsatz erkannt hatte, und abschließend dazu bemerkte:

Future ages will laugh at their forefathers of the nineteenth and twentieth centuries, who gravely bought gold to imprison in dungeons in the belief that they were thereby obeying a high economic law and increasing the wealth and prosperity of the world.

„Zukünftige Zeitalter werden über ihre Vorfahren des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts lachen, die ernsthaft Gold kauften, um es in Kerker zu sperren, in dem Glauben, dass sie damit ein hohes wirtschaftliches Gesetz befolgten und den Reichtum und Wohlstand der Welt vermehrten.“

Die Frage bleibt, warum seine Erkenntnisse und treffenden Darstellungen erst heute, 100 Jahre später, ernsthaft diskutiert werden. Er war schließlich schon zu seiner Zeit kein Unbekannter.7Keynes, John Maynard: „What is money?“; Economic Journal, 24:95 (September 1914), pp. 419–21

Wenig hilfreich ist hierbei, dass Innes´ Erkenntnisse vor allem von Ökonomen aufgegriffen werden, die mit diesen so umgehen, wie ein Kleinind mit dem gerade entdeckten Versteck der Süssigkeiten.

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