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Risiko > Volatilität

In jedem Kundengespräch wird der Berater darauf hinweisen, dass höhere Erträge nur mit höherem Risiko zu erzielen sind. Eine Tatsache, die bei der Kapitalanlage, so wie in bei allen anderen Wirtschaftsbereichen, stimmt. Nur, was ist dieses Risiko, das steigt? Und: Inwieweit kann ein Berater Risiken reduzieren?

Je stärker der Preis einer Anlage schwankt (Volatilität), desto riskanter ist sie. Anleger werden praktisch nie etwas anderes zu hören bekommen, auch nicht in den Medien oder in wissenschaftlichen Publikationen (Volatilität kann in Formeln ausgedrückt und für mathematische Modelle benutzt werden. Das erleichtert es Wissenschaftlern konkrete Ergebnisse zu produzieren, aber nicht Anlegern für ihren Anlageerfolg). Je stärker die Schwankungen, desto unvorhersehbarer die zukünftige Entwicklung. Menschen verabscheuen Unvorhersehbarkeit, insbesondere, wenn es um so sensible Themen wie ihr Vermögen geht. Zu erklären, dass Volatilität riskant ist, ist für Berater einfach zu vermitteln und für Anleger leicht zu begreifen.

Eine gute Beratung muss zwar unbedingt einfach und verständlich sein, aber nur soweit, als sie auch richtig ist. Die Einfachheit und Verständlichkeit muss dem Anlageerfolg des Anlegers dienen, nicht dem Verkaufserfolg der Anbieter. Um zu erkennen, wie irreführend die Gleichsetzung von Risiko mit Volatilität ist, ist ein zweites Nachfragen hilfreich. Was ist Risiko?

Risiko beinhaltet immer Unsicherheit, mit anderen Worten: Wahrscheinlichkeit. Die treffendste Veranschaulichung, die ich mir bislang zurechtlegen konnte lautet:

Risiko = Wahrscheinlichkeit eines negativen Ereignisses x Auswirkung dieses Ereignisses

Entsprechend dieser Definition besteht weder mit einem Sparbuch, noch mit einem breit gestreuten Aktienportfolio ein Risiko, Vermögen zu verlieren. Beim Sparbuch nicht, weil es ist nicht wahrscheinlich ist, damit Geld zu verlieren, sondern sicher (berücksichtigt man die Inflation). Beim Aktienportfolio nicht, weil es nicht wahrscheinlich ist, dass seine Bewertung regelmäßig um 20% bis 30% sinkt, sondern es ist sicher.

Das Risiko des Sparbuchs ist anderswo zu finden, nämlich erstens: wird das Vermögen, das im Bedarfsfall vorhanden ist, zur Deckung meiner Bedürfnisse ausreichen? Wie negativ ist die Auswirkung, wenn dies nicht der Fall wäre? Und zweitens: mit einem Sparbuch gewährt man einer Bank ein Darlehen. Wird sie dieses wie vereinbart zurückzahlen können? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass dies nicht der Fall ist und wie groß wäre die negative Auswirkung?

Bei Aktien und Kapitalmarktanlage allgemein sind es folgende Risiken:

1. Eine volatile Anlage wird dann zum Problem, wenn ich unbedingt dann Liquidität benötige, wenn der Preis der Anlage gerade stark gesunken ist. Ich muss sie dann zu einem ungünstigen Preis – womöglich mit Verlust – verkaufen. Unvorhersehbare Umstände (Liquiditätsengpässe) und unvorhersehbare Preisentwicklungen (volatile Anlagen) passen nicht gut zusammen. Dieses Problem – Risiko – ist aber sehr leicht zu begrenzen. Ein Anleger darf den Vorteil volatiler Anlagen (höhere Erträge) nur dann in Anspruch nehmen, wenn er für unvorhersehbare Liquiditätsengpässe mit nicht volatilen Anlagen gesorgt hat. Also beispielsweise für das Risiko, dass er für zwei, vier oder sogar 6 Monate kein Einkommen haben könnte, mit Bargeld (-ähnliche) Anlagen/Reserven.

Je höher diese Reserven, desto geringer das Risiko, dass volatile Anlagen zu einem ungünstigen Zeitpunkt verkauft werden müssen. Wie hoch genau diese Reserven seien sollen, muss jeder Anleger für sich entscheiden, sie müssen jedoch vorhanden sein. Dementsprechend sind volatile Anlagen aufgrund ihrer Unvorhersehbarkeit auch für kurzfristige Anlageziele vollkommen ungeeignet. Egal, wie sicher sich ein Anleger seiner Meinung ist: wenn er in fünf Jahren eine Anschaffung plant, und dafür angespartes Geld ausschließlich in volatile Anlagen (Aktien) investiert, dann lässt er sich auf ein Glücksspiel ein. Volatile Anlagen (Aktien) sind nicht per se riskant, sie können aber durch das Verhalten des Anlegers riskant werden.

2. Keine Anlage ist zu 100% sicher. Anleger werden mit Erträgen dafür belohnt, dass sie dieses Risiko eingehen. Sparbuchsparer sind übrigens keine Anleger. Das Risiko, dass eine Bank ihre Sparguthaben nicht mehr zurückzahlen könnte, wird Sparern vom Staat abgenommen. Der Preis dafür, nämlich, dass Sparguthaben in der Regel (bei Berücksichtigung der Inflationsrate) keinen Ertrag bringen, sondern stetig an Wert verlieren, ist auch kein Risiko, da Risiko immer Wahrscheinlichkeiten beinhaltet. Solche sind hier aber nicht vorhanden – der stete Verlust ist nicht möglich, sondern sicher. Anlagen sind also immer mit Verlustrisiko verbunden.

Schwankt nun der Preis einer Anlage, so kann sich der Anleger bei einem Schwank nach unten nicht sicher sein: Bleibt der Preis der Anlage da unten, oder erholt er sich wieder? Ist dieser Schwank womöglich nur der Anfang von einer beginnenden Preisbewegung Richtung Null? Diese Bedenken sind gerechtfertigt und sie sind umso stärker, (a) je weniger der Anleger seine Anlage versteht und (b) je stärker sich die Schwankung nach unten bewegt. Schwankungen einer Bundesanleihe sind selten beängstigend, weil das Anlagevermögen nur dann endgültig verloren ist, wenn der Staat insolvent wird. Und das passiert nicht (hmm, naja), bzw. wenn es passiert, dann wird der Verlust dieses Anlagevermögens eines der kleineren Probleme sein.

Bei Aktien ist die Angelegenheit komplizierter, die Schwankungen stärker und eine Insolvenz wahrscheinlicher. Aber auch dieses Risiko ist leicht zu begrenzen, nämlich durch eine breite Streuung (Diversifikation). Wenn ein Anleger die Aktie eines einzelnen Unternehmens kauft, so kann er sein Vermögen verlieren, weil: das Management versagt (z.B. Air Berlin, Praktiker) und/oder die Branche untergeht (z.B. analoger Film) und/oder der Sektor untergeht (z.B. Textilindustrie in Großbritannien) und/oder das Stammland Probleme hat (Unternehmen in Argentinien, Griechenland, Venezuela, etc.). Also Möglichkeiten ohne Ende. Alle diese Risiken werden dadurch ausgeschlossen, dass ein Anleger in viele verschiedene Aktien investiert. Am besten in sehr viele, die außerdem über die gesamte Welt verstreut sind. Die oben genannten Risiken werden dadurch auf ein einziges Risiko reduziert: dass das Wirtschaftssystem, wie es heute besteht, untergeht. Ein Wahrscheinlichkeit die vermutlich geringer ist, als dass sogar ein Staat wie Deutschland insolvent wird.

3. Und schließlich das letzte Risiko. Das wichtigste, am wenigsten beachtete und am schwierigsten zu kontrollierende Risiko. Es ist jenes, das für mich Kapitalanlage so interessant macht und den Schwerpunkt dieser Seiten ausmacht. Es wird von Beratern auffallend vernachlässigt, obwohl dessen Bewältigung eigentlich ihre primäre Existenzberechtigung wäre. Die Zusammenstellung eines durchschnittlichen Portfolios kann höchstens ein bis zwei Stundensätze kosten, mehr nicht. Diese Leistung ist heute ein banales Massenprodukt. Wirklich wertvoll und unbedingt empfehlenswert sind seine Leistungen, die Anleger vor sich selbst schützen. Also all jene Vorkehrungen und Aktivitäten, die dem Anleger helfen, seinen Plan konsequent zu verfolgen. Ihn davor bewahren, in unverhofft starken Gewinnphasen übermütig zu werden, und in den schwierigen Verlustphasen nicht die Nerven zu verlieren.

Auch wenn ein Anleger über vollkommen ausreichende Barreserven verfügt und ein perfekt gestreutes Portfolio besitzt: zu erleben, dass der Preis (der aktuelle Wert) des eigenen Anlagevermögens innerhalb kurzer Zeit um 10%, 20% oder gar 40% sinkt, ist immens schwierig. Auch wenn im Vorhinein (bei der Erstellung des Anlageplans) eine solche Schwankung mit absoluter Sicherheit zu erwarten war. Und auch, wenn durch diesen Preisverfall die bisher erwirtschaftete jährliche Rendite der Anlage lediglich von (nicht geplanten) 10% p.A. auf (die eigentlich geplanten) 5% fällt. Das eigentliche Problem sind nicht starke Schwankungen (hohe Volatilität), sondern die emotionalen und von Instinkten getriebenen Reaktionen des Anlegers.

Es ist also nicht die Volatilität, die riskant ist, sondern die Art wie wir auf sie vorbereitet sind und wie wir auf sie reagieren. Genauso, wie ein Auto nicht riskant ist, sondern dessen Möglichkeit, im Stadtgebiet mit 200 km/h zu fahren. Vernünftig eingesetzt bietet es jedenfalls die Möglichkeit, 200 km in zwei Stunden zurückzulegen. Anstatt den 50 Stunden, die man dafür zu Fuß benötigen würde. Inwieweit ist Volatilität also riskant? Hohe Volatilität bedeutet, dass Preise in kurzer Zeit stark steigen (kein Problem für Anleger) und stark sinken. Das starke Sinken ist aus drei Gründen riskant:Die wertvollste Leistung eines Beraters liegt (a) in der Erstellung eines Portfolios, dessen Ertragspotenzial möglichst hoch ist, aber dessen Schwankungen der jeweilige Anleger auch verkraften kann und (b) in der wirkungsvollen Vorbereitung und Begleitung des Anlegers auf/in extreme(n) (positiven, wie auch negativen) Marktphasen.

Höhere Erträge bedingen Portfolios die stärker schwanken (höhere Volatilität). Für Privatanleger stellen Schwankungen ein Risiko dar, weil sie durch diese zu schlechten Entscheidungen verleitet werden (professionelle Investoren können die anderen beiden Risiken, Punkt 1. und 2., nicht immer ausschließen, weil ihre Aufgabe teilweise darin besteht, sich genau diesen Risiken auszusetzen). Dieses Risiko ist aber auch die Ursache der höheren Erträge. Bestünde es nicht, würden mehr Investoren diese Anlagen kaufen, deren allgemeines Preisniveau würde steigen und die Renditen somit permanent auf ein niedrigeres Niveau sinken.

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